Symposium Glücksspiel: Fachleute rücken illegales Glücksspiel in den Fokus
Insgesamt kamen am 17./18. März 170 Teilnehmer zum 23. Symposium Glücksspiel an der Universität Hohenheim, 90 nahmen online teil.
Das Team der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim hat ein breit gefächertes Programm ermöglicht (v. l.): Marvin Raab, Lorenz Weißenberg, Forschungsstellenleiter Dr. Steffen Otterbach, Andrea Wöhr, Dr. Johannes Singer und Anne Böhm.
Prof. Dr. Hendrik Streeck, Sucht- und Drogenfragenbeauftragter der Bundesregierung, machte in seinem digitalen Grußwort deutlich, wie wichtig die Bekämpfung illegalen Glücksspiel ist. (Foto: David Peters)
Bei der Podiumsdiskussion steht der Glücksspielstaatsvertrag im Mittelpunkt (v. l.): Moderator Dr. Jörg Hofmann, Melchers Rechtsanwälte, Peter Beuth, Staatsminister a. D., Ilona Füchtenschnieder-Petry, Fachbeirat Glücksspielsucht, Vorsitzende Fachverband Glücksspielsucht e.V., Senatsdirektor Dr. Frank Lüthe, Die Senatorin für Inneres und Sport Bremen und Ministerialrat Hans-Peter Kalenberg, Referatsleiter für Glücksspielwesen im Ministerium des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen.
Im Mittelpunkt des 23. Symposiums Glücksspiel der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim stand das illegale Glücksspiel.
Forschungsstellenleiter Dr. Steffen Otterbach und sein Team luden zahlreiche Experten aus unterschiedlichen Disziplinen ein, um das vieldiskutierte Thema aus vielen Blickwinkeln zu beleuchten.
Am 17/18. März kamen insgesamt 170 Besucher nach Hohenheim und 90 nahmen online teil, darunter Forscher, Fachleute der angewandten Praxis, Juristen sowie Behörden-, Verbands- und Unternehmensvertreter.
Freiheit des Marktes im Fokus
Beim diesjährigen Symposium gingen viele Experten auch der Frage nach „Wie wichtig ist uns die Freiheit des Marktes?“ Die Antworten fielen, je nach Perspektive, sehr unterschiedlich aus. Doch genau das mache das Symposium laut Otterbach auch aus. „Unterschiedliche Positionen sichtbar zu machen und auf einer gemeinsamen Grundlage zu diskutieren“, sei Otterbach einer der Stärken des Symposiums.
Bundesdrogenbeauftragter Streeck fordert Bekämpfung des illegalen Glücksspiels
In seinem digitalen Grußwort unterstrich Prof. Dr. Hendrik Streeck, Sucht- und Drogenfragenbeauftragter der Bundesregierung, wie wichtig eine stärkere Bekämpfung des illegalen Glücksspiels sei. Dieses bezeichnet der Arzt und CDU-Bundestagsabgeordnete als „besonderes Problem“.
„Dort gibt es keinen Spielerschutz, keine verlässlichen Regeln und keine Hilfe für Menschen, die die Kontrolle über ihr Spielen verloren haben. Gleichzeitig entstehen Strukturen, in denen Organisierte Kriminalität verdient“, betonte Streeck.
Deswegen müssten illegale Angebote konsequenter zurückgedrängt werden. Weiter sagt er: „Damit Politik Antworten formulieren kann, braucht sie verlässliche Daten und unabhängige Forschung.“
Hier lesen Sie die Reaktion des DAW-Vorstandssprecher Georg Stecker auf die Ausführungen Streecks.
Exkurs: Illegales Glücksspiel in der Schweiz
Weitere Highlights der Veranstaltung waren die Praxiseinblicke in das illegale Glücksspiel in der Schweiz und dessen Strafverfolgung durch Karin Marti, Rechtsanwältin und Leiterin Sektion Strafverfahren bei der Eidg. Spielbankenkommission ESBK, und Wolfram Burgy, Eidg. Dipl. Polizist HFP, Fachspezialist Geldspiel und Ermittler bei der Stadtpolizei Zürich. Ebenso aufschlussreich war der Vortrag von Jochen Kopelke, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), der über die Bekämpfung des illegalen Glücksspiels referierte. Dabei ging der Polizeigewerkschaftler sehr deutlich auf die Herausforderungen und möglichen Verbesserungsansätze ein.
Dr. Steffen Otterbach, Geschäftsführender Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel, Universität Hohenheim, sagt dazu: „Meiner Ansicht nach muss Regulierung auch auf europäischer Ebene verstärkt und ganzheitlich gedacht werden, um überhaupt eine Chance zu haben, das illegale Glücksspiel einzudämmen.“
Neue Studie zur Messbarkeit von unerlaubtem Glücksspiel – demnach liegt Kanalisierungsquote hierzulande bei 77 Prozent
Ronald Benter, Roland Benter, Vorstand der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL), referierte über die Evaluierung des Glücksspielstaatsvertrages. Änderungsvorschläge müssten sich immer auf neu aufgetauchte Sachverhalte beziehen.
Die GGL hat laut Benter die Kanalisierung von illegalem zu legalem Glücksspiel vorangetrieben. Er ging auch auf die Messbarkeit von unerlaubtem Glücksspiel ein. Dabei zitierte er aus einer neuen, von der GGL beauftragten Studie ein, der zufolge der Anteil der unerlaubten Glücksspielangebote hierzulande der Markt für nicht-regulierte, illegaler Online-Glücksspiele bei etwa 23 Prozent liege. Demnach sei die Kanalisierungsquote bei 77 Prozent. Mehr zu den Ausführungen Ronald Benters lesen Sie hier und mehr zur Studie hier.
Podiumsdiskussion zum Glücksspielstaatsvertrag
Die Teilnehmer der kontrovers geführten Podiumsdiskussion beantworteten die Frage „Was versprechen wir uns vom kommenden Glücksspielstaatsvertrag?“. Dabei blickten sie auch auf das bisher Erreichte zurück, was teils sehr unterschiedlich bewertet wurde. Es diskutierten: Peter Beuth, von 2014 bis 2024 Hessischer Minister des Innern und für Sport, Ilona Füchtenschnieder-Petry, Fachbeirat Glücksspielsucht, Vorsitzende Fachverband Glücksspielsucht e.V., Ministerialrat Hans-Peter Kalenberg, Referatsleiter für Glücksspielwesen im Ministerium des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen und Senatsdirektor Dr. Frank Lüthe, Die Senatorin für Inneres und Sport Bremen. Souverän moderiert wurde die Diskussion Dr. Jörg Hofmann, Melchers Rechtsanwälte.
Schnell wurde deutlich, dass die Bundesländer oft sehr unterschiedliche Interessen in puncto Glücksspiel verfolgen, was sich auch auf die Interpretation des Glücksspielstaatsvertrages auswirkt.
Im Rückblick unterstrich Peter Beuth, dass Hessen weitergehende Regelungen gewollt hatte, jedoch Bundesländer, wie zum Beispiel Bremen, sich gegenteilig engagierten.
Ilona Füchtenschnieder-Petry bezeichnete Glücksspiel als „demeritorisches Gut“. Sie beklagte zudem, dass Glücksspiel – auch durch Werbung – zu einem „normalen Gut“ geworden sei. Positiv sieht sie die Spielersperrdatei OASIS. Dort gebe es zwar Lücken, aber ihr zufolge ist OASIS „das Herz des Spielerschutzes“.
Beuth legt dar, dass Glücksspiel ein „Teil der Unterhaltungsindustrie“ sei. In Hessen habe man die Aspekte „Freiheit und Verantwortung“ betont.
Hans-Peter Kalenberg weist darauf hin, dass Glücksspiel "schon immer gesellschaftsfähig“ gewesen sei und nennt das Beispiel Trabrennsport und die Wetten auf die Rennen. „Wir versuchen, unseren Beitrag zu leisten, die Spieler vor Schäden zu schützen“, so Kalenberg. In der Debatte müsse es aber immer zu einem Austausch kommen.
Dr. Frank Lüthe zufolge seien nicht alle Ziele des Glücksspielstaastvertrages gleichwertig. So sei die Kanalisierung nur Mittel zum Zweck. Im Vordergrund müsse der Spielerschutz stehen. Lüthe sagte auch: „Meine Senatorin möchte sich dafür einsetzen, Glücksspiel erst ab 21 Jahre zu erlauben.“
Wissenschaftliche Erkenntnisse im Mittelpunkt – Interessante Forschung zu Kindheitstraumata
Am zweiten Tag stehen auf dem Symposium Glücksspiel meistens die Ausführungen der Wissenschaftler im Mittelpunkt.
Dr. Raffaello Rossi, University of Bristol, berichtete über aktuelle Forschungsergebnisse zum Tema „Kindheitstrauma und Glücksspielsucht“. Diese „adverse childhood experiences (ACEs), oder auch belastenden Kindheitserfahrungen würden zum Teil die Wahrscheinlichkeit vervielfachen als – junger – Erwachsener eine glücksspielassoziierte Glücksspielstörung zu entwickeln, so Rossi.
Plattform für Diskussionen
Die Stärke des Symposiums Glücksspiel fasst der Prof. Dr. Christoph Schneider, Rektor der Universität Hohenheim, treffend zusammen: „Es ist eine Plattform, auf der Menschen aufeinandertreffen, die sonst eher selten miteinander ins Gespräch kommen.“
Einen ausführlichen Bericht zum 23. Symposium Glücksspiel lesen Sie in der April-Ausgabe des AutomatenMarkt.